Das Burgtheater als Nukleus der Produktion nationalstaatlicher Ideologie

Als einfacher Arbeiter am unteren Ende der Hierarchie dieses Theaters erkannte ich meinen Arbeitsort in einem größeren Zusammenhang: Nationalstaatlichkeit, hochkulturelle Produktion, EU-Anti-Migrations-Politik, globaler Kapitalismus und neoliberale Prekarisierung von Arbeit. Am Burgtheater sind diese Phänomene in einem Geflecht ineinander verwoben.

Ich stieg als Billeteur auf die Bühne des Burgtheaters. „Von welchem Theater träumen wir?“, war der Titel des Kongresses, in dem ich unangemeldet versuchte, eine „utopische Rede“ zu halten. Das Burgtheater als eines der renommiertesten Sprechtheater Europas hatte es sich zur Aufgabe gemacht, über utopische Potenziale des Mediums Theater heute zu debattieren. Vergessen wurde dabei, auf die eklatanten Widersprüche einzugehen, die die Produktionsrealität des Hauses bestimmen. Meine Absicht war es, das Gebaren der prominenten VeranstaltungsorganisatorInnen auf die Probe zu stellen und – ausgehend von meinem Anstellungsverhältnis – die Realität des Betriebes mit den eigenen Widersprüchen zu konfrontieren:

Ich war Produkt von „New Public Management“ und neoliberaler Outsourcing-Ideologie. Ich performte mit meinen Billeteurs-KollegInnen das Burgtheater, war aber tatsächlich Security-Angestellter. Ich war einer von mehr als 600.000 Angestellten des größten Sicherheitsdienstleisters der Welt und repräsentierte die nationalstaatliche „Hochkultur“ Österreichs. Ich arbeitete für G4S, ein Unternehmen, das weltweit in eine Vielzahl von Anklagen wegen Menschenrechtsverletzungen und Verletzungen des internationalen Rechts verwickelt ist. Ein Unternehmen, das dafür kritisiert wird, weltweit mit struktureller Unterbezahlung und rücksichtsloser Ausbeutung Profit zu erwirtschaften. Ich arbeitete für ein Unternehmen, das in den nächsten 15 Jahren ein Abschiebegefängnis in der Steiermark unterhalten und leiten will.

Als einfacher Arbeiter am unteren Ende der Hierarchie dieses Theaters erkannte ich meinen Arbeitsort in einem größeren Zusammenhang: Nationalstaatlichkeit, hochkulturelle Produktion, EU-Anti-Migrations-Politik, globaler Kapitalismus und neoliberale Prekarisierung von Arbeit. Am Burgtheater sind diese Phänomene in einem Geflecht ineinander verwoben. Mit der Aktion klaffte dieses jäh auseinander und sprang dem Publikum ins Gesicht. Seither hat die Aktion ein breites Echo in den Medien hervorgerufen. Mit großem Erstaunen beobachte ich, wie sich der kleine Riss in der glänzenden Oberfläche der scheinbar einwandfrei funktionierenden Kulturmaschinerie weiter vergrößert. Und ich merke, wie leicht die Komplexität der Thematik in den Medien verkürzt wiedergegeben wird. Die Privatisierung des Abschiebegefängnisses Vordernberg zum Beispiel wird isoliert aufgegriffen und kritisch beleuchtet, ohne die Praxis des Abschiebens grundsätzlich zu hinterfragen.

Auch der Burgtheater Intendant Matthias Hartmann sollte jetzt die Kulturscheuklappen abstreifen und genauer hinsehen. Solidarisierte er sich doch bereits mehrfach öffentlich mit meiner Aktion und proklamierte sogar in seiner Laudatio bei der diesjährigen Verleihung des Nestroypreises: „… Christian Diaz, der dem Bundestheaterkonzern den Spiegel der Realität vorgehalten hat, hat Recht!“ Wenn Herr Hartmann sich nicht nur mit der Blume der „Billeteurskritik“ schmücken will, sollte er den Ball der Verantwortung jetzt nicht weg spielen. Wenn das Burgtheater sich selbst als ernst zu nehmender Ort der Kultur eine Chance geben will, dann muss es sich aktiv gegen die genannten Verhältnisse engagieren. Es ist meiner Meinung nach die Aufgabe des Theaters, strukturelle Ungerechtigkeiten aufzuzeigen und zu bekämpfen. Das Burgtheater muss sich ernsthaft befragen, inwieweit es diese selbst produziert.

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