Kultur ist Arbeit!

Die neue Ausgabe des IG Kultur Magazins ist da und widmet sich dem Themen-Schwerpunkt "prekäres Leben und Arbeiten in der freien Kulturszene". Was heißt es für die Praxis, prekär beschäftigt zu sein? Welche Rahmenbedingungen befördern prekäres Arbeiten und was ist von den aktuellen politischen Entwicklungen zu erwarten? Und gibt es Denkanstöße und Praxismodelle, die Alternativen aufzeigen? Eine Ausgabe erstellt in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien.
Christiane Rath _ Großmutters-Wohnzimmer / Odonien

Zur Schwerpunktausgabe: Prekäres Leben

Lidija Krienzer-Radojević, Simon Theurl und Yvonne Gimpel 
 

Niedriges und unregelmäßiges Einkommen, befristete oder unabsehbare Beschäftigungsdauer, wechselnde bis verschwimmende Phasen von entlohnter Erwerbsarbeit und unentgeltlicher – sprich Gratisarbeit, schwache soziale Absicherung, fehlende Planbarkeit und geringe Karriereperspektiven: Das ist kein Versuch der Definition der Arbeitsrealitäten der freien Kulturszene. Das ist die Definition prekären Arbeitens. Und doch beschreibt es treffend die Lebens- und Arbeitsbedingungen freier Kunst- und Kulturarbeiter*innen, denen sich diese Ausgabe des „Zentralorgans für Kulturpolitik und Propaganda“ widmet. Denn in weiten Teilen des Kulturbereichs ist die sogenannte „atypische“ Beschäftigung, sofern überhaupt ein Beschäftigungsverhältnis besteht, längst typisch – miserable Einkommenssituation und Risiken der lückenhaften sozialen Absicherung (Stichwort: Erwerbslosigkeit, Krankheit, Alter) inklusive. 

Trotz dieser Entbehrungen ist die Motivation vieler Kulturarbeiter*innen ausgesprochen hoch, wie die Gespräche mit einzelnen Akteur*innen zeigen. Sie eint ein partizipativer, politisch engagierter Anspruch von Kulturarbeit als Auseinandersetzung mit und Arbeit an der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dafür werden finanzielle Unsicherheit, unbezahlte Tätigkeit, schwierige Lebensplanung bzw. Vereinbarkeiten in Kauf genommen. Grenzen zwischen privat und beruflich verschwimmen so zusehends, insbesondere wenn auch zu Hause gearbeitet wird, wie Jana Mikats analysiert. 

In der Politik fehlt jedoch weitgehend das Bewusstsein, dass Kunst und Kultur wichtige gesellschaftliche Arbeitsleistungen sind, die „fair“ entlohnt werden sollten, wie Klaus Schinnerl feststellt. Das war nicht immer so, wie seine Aufarbeitung des Projekts „Kultur schafft Arbeit“ zeigt. Wenn das politisch erwünscht ist, können gezielte arbeitsmarktpolitische Strategien und Fördermaßnahmen maßgeblich zur Verbesserung der Beschäftigungssituation beitragen. Das zeigt auch die „Artist Class“, die im Rahmen des sogenannten Integrationsjahres ein über das AMS abgewickeltes Arbeitstraining für Künstler*innen mit Fluchterfahrungen bietet, die Dilan Sengül vorstellt. Die Zukunft beider Projekte ist jedoch ungewiss. Denn die von der schwarz-blauen Bundesregierung beschlossenen Kürzungen der Arbeitsmarktförderungen treffen auch den Kultursektor.

Neben den Kürzungen der Arbeitsmarktförderungen steht ein tiefgreifender Umbau des Sozialversicherungssystems (Stichwort: Arbeitslosenversicherung Neu, Abschaffung der Notstandshilfe) auf der Agenda der Bundesregierung. Eine Reform, vergleichbar mit dem deutschen Hartz IV Modell, zeichnet sich ab. Die Situation von Kunst- und Kulturarbeiter*innen, wären von diesen Plänen massiv betroffen, analysiert Simon Theurl. Gleichzeitig wäre damit zu rechnen, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse insgesamt stark zunehmen. Dabei wirken Prekarisierungsprozesse nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern entfalten gesamtgesellschaftliche Wirkung, warnt Martina Zandonella. Sie zeigt auf, wie fortschreitende Prekarisierungsprozesse rechtspopulistische Einstellungsmuster in allen Beschäftigungsgruppen fördern. Es darf daher nicht wundern, wenn die aktuelle Bundesregierung Prekarisierung als Strategie einsetzt, um eingebettet in einen neoliberalen und migrationsfeindlichen Diskurs ihre „Herrschaft durch Unsicherheit“ abzusichern, so Roland Atzmüllers These. Die provokante Frage in seiner Analyse, ist jedoch die Frage nach der Rolle, die Kultur- und Kreativarbeiter*innen in diesen Prozessen einnehmen: Sind wir gar Wegebereiter*innen für gesamtgesellschaftliche Prekarisierungsdynamiken? 

Mögliche Gegenstrategien und Ansätze einer Antwort ziehen sich quer durch alle Rubriken dieser Ausgabe. Joschka Köck zeigt auf, wie in der Kulturarbeit mit den Methoden des Forumtheaters kollektive Selbstermächtigung gestärkt und an rechtlichen Rahmenbedingungen gearbeitet werden kann. Günther Friesinger seziert, wie der historisch bedingte Geniebegriff in der Kunst bis heute selbst in der freien Kulturszene weiterwirkt. Es braucht ein neues Selbstverständnis der kulturellen Produzent*innen als kulturelle Arbeiter*innen, um Formen des kollektiven Arbeitskampfs zu ermöglichen. Die internationale Plattform ArtLeaks illustriert, wie systemische Ungerechtigkeiten im Kulturbetrieb solidarisch über digitalen Vernetzung bekämpft werden können. Das Berliner Modell zeigt auf, dass Fair Pay in der Kulturarbeit politisch wie praktisch durchsetzbar ist. Mark Banks schließlich nimmt den Kultursektor selbst in die Pflicht und argumentiert, dass Prekarisierung nur bekämpft werden kann, wenn auch Routineprozesse der Diskriminierung und des Ausschlusses innerhalb des Kultursektors bekämpft werden.

Allen gemeinsam ist die Forderung, dass es Zusammenarbeit über Sektoren und Einzelinteressen hinweg braucht. „Kooperation statt Isolation“ muss das Credo sein. Daher wurde diese Ausgabe des Magazins erstmals als Kooperationsprojekt erstellt: zwischen IG Kultur und der AK Wien – der Kammer für Angestellte und Arbeiter. Denn Prekarisierung betrifft uns alle. 


Ausgabe erstellt in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien

Logo AK Wien

Inhaltsübersicht

PRAXIS 

Lebensplanung Kunst und Kultur
Kulturarbeiter*innen im Gespräch

Stempeln gehen für die Kunst
Klaus Schinnerl

Mit Theater Gesetzte gegen Prekarisierung schreiben? 
Joschka Köck

Artist Class
Dilan Sengül

Kolumne: Der Chor der Nettonehmer
Gebrüder Moped

POLITIK

Vom Kreativproletariat zu kulturellen Arbeiter*innen
Günther Friesinger 

Hartz IV – bald auch in Österreich?
Simon Theurl

Warum die Prekarisierung von Arbeit auch die Demokratie gefährdet
Martina Zandonella 

Kolumne: Shifting Baseline
Andi Wahl

INTERNATIONAL

ArtLeaks
Lidija K. Radojević im Gespräch mit Corina L. Apostol und Vladan Jeremić

Fair Pay ist möglich
Janina Benduski im Gespräch

THEORIE

Kulturarbeit – ein abgekartetes und unfaires Spiel?
Mark Banks im Gespräch 

Wenn das Zuhause auch der Arbeitsplatz ist
Jana Mikats

Prekäre Arbeit, prekäres Leben?
Roland Atzmüller 

IG ARBEIT

Kulturförderungen juristisch erstreiten
Gabi Gerbasits

LITERATUR 

Ausreichend Einreichen! 
Helwig Brunner

KUNST

Elfriede Mejchar

 

Über das IG Kultur Magazin 

Als Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda nimmt das IG Kultur Magazin jenen Raum einnehmen, der sich durch die Nachlässigkeit und Werteverschiebung der österreichischen Kulturpolitik in den letzten Jahren aufgetan hat. Hier werden kulturpolitische Themen und Praxen nachhaltig verhandelt. Als „Propagandaorgan“ stellt sie durchaus den Versuch dar, die Sichtweise auf die Bedeutung von Kulturarbeit und auf ihren gesellschaftlichen Einfluss zu verändern.
 

Wie erhalte ich das IG Kultur Magazin

Mitglieder der IG Kultur Österreich erhalten das Magazin direkt per Post. Die digitale Ausgabe wird Anfang 2019 veröffentlicht. Print-Exemplar können per E-Mail unter office@igkultur.at bestellt werden (Preis: 5,- Euro). 

Übersicht frühere Ausgaben des Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda


 


Coverbild: Großmutters Wohnzimmer, Odonien/Köln | Fotographie © Christiane Rath | www.rath-art.de 

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