Single, Double, Triple ... Zeit - Schrift - Conférence

Die Politik interessiert sich für Geschäfte, nicht für menschliche Fortschritte. In der konservativen Variante versichert sie, daß gute Geschäfte irgendwie automatisch menschliche Fortschritte bringen würden. In der sozialdemokratischen Variante beteuert sie, daß gute Geschäfte die Voraussetzung menschlicher Fortschritte seien, daß aber nur sozialdemokratische Politik (was immer das dann sein mag - wissen sie es selbst?) menschliche Fortschritte bringen könne. Darum verstehen heute so gut wie alle Politiker nicht, was unsere alternativen Zeitschriften, die kein Geschäft sind, tun und wofür das gut sein soll.

Aus: sektor3medien 99. Kurskorrekturen zur Kultur- und Medienpolitik.

Zeitschriften sind keine neuen Medien Medien, sondern schon ziemlich alt. Sie haben bereits einen langen Weg durch diese Gesellschaft zurückgelegt und können daher bereits auf einige Erfahrungen mit ihr und ihrer Politik zurückblicken. Es gab Zeiten der Blüte. Das waren Hoch-Zeiten der Politik zunächst und vor allem im Zuge der Konstituierung bürgerlicher Staaten und der Durchsetzung bürgerlicher Institutionen - in Frankreich vor etwa 200 Jahren, hierzulande weit später und gegenüber dem Prototyp etwas unartikuliert und auch sonst etwas undeutlich (aber dazu weiß Oliver Marchart mehr zu berichten). In diesen frühen Stadien bürgerlicher Vergesellschaftung waren Zeitschriften zwar auch nicht mehr ganz neu - gemessen daran, was bei heutigen Innovationszyklen als neu gelten kann. Für die aufstrebenden Wirtschaftssubjekte samt Anhang gewannen sie aber eine neue Nutzbarkeit als veritable Medien, also Mittel, der Verständigung darüber, was Politik sein und tun sollte. Da der Fortschritt der Politik respektive die Politik des Fortschritts wesentlich darin bestand, möglichst ungehindert Geschäfte machen zu können, gingen Politik und Geschäft in eins und so verblieben sie auch.

Das war auch schon der Anfang des Verfalls, in dessen Blüte wir heute stehen. Heute bestünde der Fortschritt darin, etwas anderes als Geschäfte machen zu können oder in erster Annäherung nicht aus allem ein Geschäft machen zu müssen. Daher muß man sich heute entscheiden, ob man eine gesellschaftlich relevante, sich um menschliche Fortschritte bemühende Zeitschrift machen will, oder ein Geschäft. Man muß sich zwar entscheiden, aber man kann nicht, da es keine marktfreien oder -fernen Räume gibt, in die man sich retten könnte, es sei denn der Staat oder sonstjemand simuliert sie. Womit die Katze aus dem Sack ist und sich in den Schwanz beißt. Wie sich die Dinge heute befinden, ist auf sonstwen eher zu hoffen als auf den Staat:

Die Politik interessiert sich für Geschäfte, nicht für menschliche Fortschritte. In der konservativen Variante versichert sie, daß gute Geschäfte irgendwie automatisch menschliche Fortschritte bringen würden. In der sozialdemokratischen Variante beteuert sie, daß gute Geschäfte die Voraussetzung menschlicher Fortschritte seien, daß aber nur sozialdemokratische Politik (was immer das dann sein mag - wissen sie es selbst?) menschliche Fortschritte bringen könne. Darum verstehen heute so gut wie alle Politiker nicht, was unsere alternativen Zeitschriften, die kein Geschäft sind, tun und wofür das gut sein soll. Sie sind jedenfalls davon überzeugt, daß das nichts für sie ist und daß man daher nichts dafür tun muß oder sogar etwas dagegen unternehmen muß, weil: Was nicht für uns ist, ist eine Frechheit.

Dieser Aspekt würde - neben den an anderer Stelle bereits weidlich ausgeführten, gefährlicheren Aspekten - wenigstens helfen, die absurde Auseinandersetzung der letzten Jahre zwischen unserer Vereinigung und dem Abgeordneten Khol um die von ihm betriebene gesetzwidrige Aberkennung der Publizistikförderung für einige alternative Zeitschriften zu erklären. Nicht-Eingeborenen, denen das tiefe Verständnis des lokalen Brauchtums der Verschmelzung von bitterem Ernst und Lachhaftigkeit, kurzum der Schmäh, fehlt, kann man diese Geschichte ohnehin nicht erklären. Ein Verfahren beim Verfassungsgerichtshof wird wohl noch einige Zeit anhängig bleiben, die Verfassungsrichter haben es in dieser Sache offenbar nicht ganz leicht. Macht nichts - es soll ja auch anderen nicht fad werden. Wie ich aber schon bei früheren Gelegenheiten hervorgehoben habe: Die Publizistikförderung ist auch dann ein Skandal, wenn sich gerade keiner ereignet. Sämtliche Zeitschriften - also nicht nur die “alternativen", die alleine schon dreihundert Titel zählen - werden da mit einem Gesamtbetrag nicht gefördert, sondern bestenfalls getröstet, mit dem allein der Mediaprint-Konzern nicht gefördert, sondern sinnlos beschenkt wird.

Freie Radios und nichtkommerzielle Internet-Provider sind auch kein Geschäft. Daher ist davon auszugehen, daß die Politiker diese neuen Medien auch nicht verstehen. Jedenfalls nicht als das, was sie sind. Was sie ungefähr verstehen dürften ist: Daß die “neuen Medien" einer der wenigen Mythen sind, in die sich Fortschrittserwartungen betreffend “die Wirtschaft" noch ziemlich hemmungslos hineinimaginieren lassen - und daß dabei ein wenig Großzügigkeit nebenbei möglicherweise nicht schaden kann. Obwohl auch diese Vermutung bei Licht betrachtet eine Idealisierung der Politik ist: Die Großzügigkeit bei den Freien Radios konnte tatsächlich nur durch jahrelange Drohung mit der Menschenrechtskonvention durchgesetzt werden, ist also eigentlich weder zügig noch letztenendes groß ausgefallen.

Jegliche Gunst der Stunde muß genutzt werden: Wenn der Staat in einem luziden Intervall verspricht, etwas für Menschen, insofern sie sich nicht auf ihre Wirtschaftssubjektivität reduzieren wollen, und deren Projekte zu tun, muß er beim Wort und seine Förderungen genommen werden. Wenn er in einem Augenblick der Emphase den kleinen Finger zögernd hinstreckt, muß nach der Hand wenigstens geschielt werden. Aber das ist Geschicklichkeit, nicht Strategie. Zum Thema “Strategie" etwas mehr in meinem Vortrag morgen.

Über unsere Vereinigung sollte ich auch noch ein paar Worte sagen: Die Vereinigung alternativer Zeitungen und Zeitschriften, kurz VAZ, entstand aus gemeinsamen Vertriebsaktivitäten alternativer Zeitschriften in Wien. Es ging um die Organisierung eines gemeinsamen Handverkaufs in Lokalen und an den Universitäten. Die Beteiligten trafen einander monatlich, eigentlich nur zum Zwecke der Abrechnung und Besprechung organisatorischer Fragen. Nach einiger Zeit stellten wir fest, daß wir einander doch weit mehr zu sagen haben und weiterreichende, gemeinsame Interessen haben und aus dieser Idee wurde dann ziemlich rasch die VAZ. Anfangs dachten wir noch an eine Erweiterung des Service-Angebots in vertrieblichen und anderen verlegerischen Belangen, da gab es auch ein AMS-Projekt (damals hieß das noch “Aktion 8000"), das aber mangels Ausfinanzierung durch andere öffentliche Stellen nicht zustandekam. Mangels Realisierbarkeit haben wir uns im weiteren nicht mehr mit der “Service-Schiene" beschäftigt. Ich persönlich glaube auch, daß in dieser Hinsicht direkte Kooperationen zwischen Zeitschriften, die strukturell gut zusammenpassen, aussichtsreicher sind.

Die VAZ hat sich seither stärker auf politische Interessenvertretung verlegt und es gibt aus den letzten Jahren eine ganze Reihe von Stellungnahmen und sonstigen Veröffentlichungen zu medienpolitischen und medienkritischen Themen. Je deutlicher die Abwesenheit und Ignoranz der Politik ausfällt, umso uninteressanter wird aber auch das Verfassen von konstruktiven Stellungnahmen und Entwürfen - man hat ja schließlich und hauptsächlich noch etwas anderes zu tun. Umso deutlicher gewinnt einerseits die Kritik an Bedeutung; andererseits wird es in den nächsten Jahren darum gehen, nach Wegen zu suchen, alternative Zeitschriften auch ohne politische Unterstützung und Beachtung zu ermöglichen. Das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einigen weiteren “Umstrukturierungen" führen, was aber nicht notwendigerweise bedeutet, daß alternative Zeitschriften weniger gelesen werden.

Die Kooperation mit den alternativen, “neuen" Medien, die wir jetzt glücklich zur Verfügung haben, wird in diesem Zusammenhang einen wichtigen Aspekt bilden. Wir können voneinander viel lernen und wir können uns gemeinsam eine Bedeutung schaffen, die wahrhaft “synergetisch" sein könnte - also mehr als die Summe der Teile. Mit “Bedeutung" meine ich die Größe, das Gewicht und die Schönheit der Öffentlichkeiten, die wir gemeinsam herstellen können - diese und nicht sonstjemand werden die Bedeutung unseres Tuns bestimmen und beurteilen. Insofern ist es höchste Zeit für diese gemeinsame Konferenz, die nicht nur ein unübersehbares “event", sondern der Beginn einer dauernden Kooperation sein soll.

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